Dritter Platz beim Hamburger Märchen-Schreibwettbewerb

Anna-Zoé von Darl hat den dritten Platz beim Hamburg-weiten Märchenwettbewerb belegt.

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Anna-Zoé von Darl

Klasse 5f, Gymnasium Süderelbe

 

Die drei Prinzen

Vor langer, langer Zeit lebte einst ein König mit seinen drei Söhnen in einem einsamen und wunderschönen Schloss. Da es dort im Winter immer sehr kalt wurde, trug der König den Prinzen eines Tages auf, einen warmen Raum zu suchen. Der Jüngste von den dreien war so ins Suchen vertieft, dass er nicht bemerkte, wie glatt der Boden der Gänge wurde. Er rutschte aus und stieß mit dem Kopf an eine Säule.

Plötzlich machte es „klick“ und eine versteckte Geheimtür ging auf. Die Brüder sahen hinein und entdeckten einen kleinen schmalen Gang. Sie traten hinein, schauten sich um und bemerkten, dass überall an der Wand in alter Schrift auf brüchigem Pergament geschriebene Informationen über Nordamerika und Indianer hingen.

Einer der Jungen fragte plötzlich: „Wusstet ihr, dass der Kontinent Amerika nach einem Kaufmann benannt wurde, der behauptete, Amerika entdeckt zu haben?“ „Nein“, erwiderte ein anderer „aber hättest du gedacht, dass Indianer sehr tollen Schmuck herstellen können?“ „Daran habe ich noch gar nicht gedacht“, entgegnete der Älteste, der sich sehr mit anderen Kulturen und Sitten beschäftigte. So redeten die Brüder noch eine Weile und erzählten sich die Dinge, die sie interessant fanden. Besonders der Umstand, dass Christoph Kolumbus Amerika entdeckte und dachte, er sei in Indien gelandet, weshalb die Indianer nicht Amerikaner hießen, fesselte sie. Auch dass die Indianer in der sogenannten Prärie lebten und dass sie in Tipis aus Büffelleder wohnten, fanden sie spannend.

Mitten im Gang blieben die drei Brüder stehen. Vor ihnen hing ein riesiges Bild, dass ein Indianerlager zeigte. Es bestand aus vielen Tipis, die entlang eines Flusses aufgeschlagen waren. Mitten durch das Indianerdorf zog sich eine lange Leine, an der Büffelfelle zum trocknen aufgehängt waren. „Die Indianer lebten fast ausschließlich vom Büffel“, erklärte der älteste Bruder. „Selbst innere Organe nutzten sie, wie beispielsweise die Blase als Kochtöpfe oder Flaschen. Die Felle dienten als Handtücher, Decken, Kissen und Kleidung, aus Hörnern und Hufen wurden Gläser und Waffen gefertigt und das Blut benutzten sie als Farbe.“ So unterhielten sich die drei Brüder noch einige Zeit über das Bild.

Auf einmal umwehte sie ein heftiger Wind. Es schien, als würde ein heftiger Schneesturm sein Unwesen treiben. Da der Winter draußen vor dem Schloss bereits seine volle Kraft entfaltete, dachten sich die Prinzen zunächst nichts dabei. Doch dieser Sturm war anders: Es war keine Kälte zu spüren, jedoch zog er sie unabänderlich hin zum Bild. Mit aller Kraft versuchten sich die jungen Prinzen dagegen zu wehren, doch der Sog war zu stark. Und noch ehe die Raben im Schlosshof dreimal krächzen konnten, verschluckte sie das Bild mit Haut und Haaren. Die Brüder fielen und fielen einen schier endlosen Abgrund hinunter, durch Frühling, Sommer, Herbst und Winter, durch die Zukunft und durch die Vergangenheit. Schließlich landeten sie sanft auf weichem Untergrund.

Die drei Prinzen waren noch ganz benommen vom langen Sturz und völlig ermattet erfasste sie eine tiefe Bewusstlosigkeit. Schließlich erwachten sie in einem großen zeltartigen Raum, dessen Wände nach oben hin spitz zu einer schmalen Öffnung zuliefen. Als die Jungen sich umsahen, entdeckten sie, dass überall Felle herumlagen und von den Wänden herabhingen. In der Mitte des Raums brannte ein großes Feuer, dessen Rauch sich seinen Weg durch die Öffnung an der Spitze ins Freie suchte. Rund um das Feuer herum saß eine Gruppe von Menschen, deren Haar eine Feder schmückte. Der mittlere der drei Prinzen erinnerte sich zuerst an alle Dinge, die sie der Informationstafel entnommen hatten: „Ihr seid Indianer! Bitte tut uns nichts! Wir sind Prinzen und haben keine bösen Absichten. Bitte verschont uns und tut uns nichts an, wir sind zum Helfen da, aber nicht zum getötet werden!“ Bei den letzten Worten wurde der stärkste Indianer hellhörig und antwortete: „Ja, es stimmt, wir sind Indianer. Aber ist es wahr, dass ihr helft?“ „Oh großer Indianer, warum sollten wir dich anlügen?“, erwiderten sie im Chor. „Nun denn, wir werden seit einiger Zeit beraubt. Der Missetäter nennt sich „Böser Büffel“. Er ist, wir der Name schon sagt, ein Büffel. Der „Böse Büffel“ stiehlt unsere Vorräte, Decken und einmal klaute er mir sogar eine Feder aus dem Kopfschmuck! Wir können ihn leider nicht fangen, weil er sich am Tag in einen Felsen verwandelt und wir in der Nacht bei seinem Anblick in einen tiefen Schlaf fallen. Leider ist er auch unsterblich, weil er, je nach Tageszeit, halb Tier halb Stein ist“, empörte sich der Häuptling.

Die Prinzen gaben ihr Wort, dass sie den Büffel fangen und einsperren würden. Die Indianer versprachen ihnen, falls sie es schaffen sollten den Büffel zu ergreifen, sie mit bemalten Töpfen, wunderschönem Schmuck, selbst gewebten seidig weichen Stoff und geflochtenen Körbchen mit klein geschnitzten Figuren zu beschenken. Zum Schluss bekamen sie vom Häuptling höchstselbst noch einen Flöte und eine Feder. Als er sah, wie verwirrt die drei Jungen waren, erklärte der Häuptling, dass der Flöte die einzige Schwäche des Büffels sei: „Solltet ihr nicht dem Schlafzauber des Büffels erliegen, so streicht über die Flöte und spielt drei gleiche Töne. Die Töne werden den Büffel beruhigen und ihn handzahm machen. Die Feder dagegen ist euch anders dienlich.“ Der Häuptling erläuterte nun, inwiefern dies geschehen würde. Wollten sie sich die Kraft der Feder zunutze machen, müssten die Prinzen lediglich rufen: „Goldene Feder, so schön und weich, bring uns schnell in unser Reich!“ – Und schon würden die drei jungen Prinzen wieder zurück nach Hause gelangen. Dies könnten die Brüder tun, sofern sie rettungslos vom Büffel bedroht würden.

Die Prinzen bedankten sich voller Freude und im Anschluss saßen alle zusammen noch lange um das Feuer herum. Die Indianer spielten auf Flöten und Trommeln, sie sangen uralte Lieder und tanzten zur Musik. Bis in die tiefe Nacht hinein lauschten sie noch den Geschichten der Alten vom „Bösen Büffel“ und legten sich erst zur Ruhe, als der Mond schon hoch am Himmel stand.

Am folgenden Morgen brachen die Prinzen auf. Stundenlang wanderten sie durch die schier endlose Prärie, bis einer der drei Brüder vorschlug, eine kurze Pause zu machen. Damit waren alle einverstanden. Sie setzten sich in den Schatten eines Baumes, lehnten sich an einen Felsen und schliefen ein. Mitten in der Nacht erwachte der jüngste der drei Prinzen von einem tiefen Donnern. Erschrocken blickte er nach oben und bemerkte erstaunt, dass der Himmel sternenklar und nicht durch eine einzige Wolke verhangen war. Das Donnern wiederholte sich und nun erwachten auch die anderen beiden Brüder. Der Fels, an den sie sich gelehnt hatten, erbebte! Die Jungen schreckten hoch. Ganz langsam verwandelte sich der Felsen in den „Bösen Büffel“! Hektisch versuchten die drei Prinzen auf der Flöte zu spielen. Der Älteste spielte drei Töne, doch sie hatte keine Wirkung auf den „Bösen Büffel“. In ihrer Not rannten die Jungen los, der Büffel verfolgte sie mit rotglühenden Augen! Sie schafften es gerade noch, sich auf einen Baum zu retten. Die Lianen, die vom Baum herabhingen, schienen ihnen guten Halt zu bieten. Da der Büffel ihnen hierauf nicht folgen konnte, begann er den Stamm des Baumes mit seinem mächtigen Schädel zu rammen. Derweil versuchten die Prinzen immer noch verzweifelt und voller Angst auf der Flöte zu spielen. Nun probierte der Mittlerste der Prinzen sie aus, aber auch seine Flötentöne beruhigten den Büffel nicht. Nach einem weiteren mächtigen Stoß des Büffelschädels kippte der Baum. Die Brüder hielten sich an seinen Ästen fest so gut wie sie nur konnten. Zwei der Jungen schafften es, der jüngste der drei Prinzen jedoch klammerte sich an eine der Lianen, bevor er den Halt verlor und direkt auf dem Rücken des Büffels landete. Geistesgegenwärtig band der Junge dem bösen Büffel die Liane um den Hals. In der Zwischenzeit banden die zwei anderen Brüder Lianen zu Lassos zusammen. Sie zählten bis drei und warfen die Lassos auf Kommando des Ältesten. Sie trafen! Jetzt waren alle vier Füße des Büffels gefesselt. Die Prinzen banden den Büffel an einen Baum. Doch das hielt ihn nicht weiter auf. Er zerriss die Lianen und griff die Brüder erneut an. Um Zeit zu gewinnen, erkletterten die Brüder einen weiteren Baum bis hinauf in den höchsten Wipfel. Zu ihrem Glück handelte es sich diesmal um einen stabileren.

Wie auch beim vorherigen Mal begann der „Böse Büffel“ den Baum zu rammen. Als er es nicht schaffte den Baum umzustoßen, nahm er immer mehr Anlauf: Erst sieben Meter, dann dreizehn Meter, dann siebzehn Meter und immer mehr! Irgendwann, als der Büffel dreiundfünfzig Meter Anlauf nehmen wollte, begannen die Prinzen sich Sorgen zu machen, dass der Baum dem Büffel doch nicht stand halten könnte.

Gerade war der böse Büffel dabei, den Baum aus siebenundsiebzig Metern Entfernung zu rammen. Er rannte los und stieß gegen den Baum. Dieser begann mächtig zu schwanken. Die Prinzen erwarteten angstvoll, dass der Büffel nun erneut Anlauf nehmen würde, um den Baum endgültig zum Umfallen zu bringen. Da galoppierte aus dem Nichts ein Wildpferd heran und rief dem jüngsten Prinzen zu: „Ihr habt die Flöte nicht richtig verwendet! Bevor ihr hineinblast müsst ihr über sie streichen!“ Sofort folgte der Prinz den Anweisungen, er strich über die Flöte und spielte drei gleiche Töne.

Sofort verstummte das Donnern. Vorsichtig schauten die Prinzen nach unten und entdeckten, dass der Büffel ruhig vor dem Baum stand und friedlich schnaufte. Schnell kletterten die Brüder vom Baum. Das Wildpferd wieherte glücklich und führte auf seinen hinteren Hufen ein Tanz auf: „Ihr habt den bösen Büffel besiegt! Wie kann ich euch nur danken?“

Plötzlich hörten sie ein leises Schnaufen, der Büffel fing langsam an, sich wieder gegen die Prinzen und das Wildpferd zu wenden. Dies sprach: „Bitte, spielt erneut auf der Flöte, dadurch bleibt der Büffel ruhig.“

In dem Moment richtete sich der Büffel auch schon zu seiner gewaltigen Größe auf, er schnaubte vor Wut, wie Rauch kam es aus einen Nüstern, er scharrte mit den Hufen und senkte seinen riesigen Kopf zum Angriff – doch gerade noch rechtzeitig spielte der jüngste Prinz drei weitere Töne, nachdem er zuvor über die Flöte gestrichen hatte. Der Büffel hielt inne und sah für einen Moment so aus, als wollte er auf einer Wolke aus Zuckerwatte davon schweben.

Das Pferd bedankte sich bei den Prinzen und alle zogen sie gemeinsam los: Zuerst die Prinzen, dann das Pferd mit der Flöte und zum Schluss trottete der Büffel wie hypnotisiert hinter ihnen her.

Sie brachten den Büffel in eine Zelle, die sieben Meter unter der Erde lag. Gerade, als sie diese erreicht hatten, wurde es Tag und der Büffel verwandelte sich wieder in einen Stein. Vor die Zelle legten sie die Flöte. Danach verabschiedeten sie sich herzlich von dem Pferd, das von nun an als Wächter des Büffels in der Nähe leben wollte, um stets rechtzeitig die Flöte spielen zu können.

Die Prinzen aber kehrten zu den Indianern zurück. Dort wurden sie freudig empfangen und erzählten ihnen abends beim Lagerfeuer, wie sie den Büffel besiegt hatten.

Als sie damit fertig waren, verabschiedeten die Prinzen sich. Die Indianer wollten unbedingt noch ein Fest mit ihnen feiern. Da die Jungen jedoch unendliches Heimweh hatten, wollten sie sofort wieder zurück nach Hause. Der älteste Bruder nahm die goldene Feder, die sie vom Häuptling bekommen hatten, und murmelte: „Gold’ne Feder so schön und weich, bring uns schnell in unser Reich!“ Bei diesen Worten umhüllte eine bunte Wolke die drei Prinzen. Sie hörten noch die letzten Dankesworte der Indianer, dann waren die Jungen zurück im Schloss. Der kleine Geheimgang hatte sich zu einem molligwarmen großen Raum mit einem Kamin verwandelt. Überglücklich empfing sie dort ihr Vater der König. Es gab so viel zu erzählen und so saßen der Vater und seine Söhne den ganzen Abend am knisternden Feuer des Kamins, bis die drei Prinzen die gesamte fantastische Geschichte bis zu ihrem Ende berichtet hatten.

Seitdem mussten der König und seine Söhne nie mehr frieren. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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